Kurz vor halb sieben übernimmt Ercan, 38, auf einer Intensivstation in Nürnberg die Übergabe. Vier Betten, drei davon beatmet, eines im Weaning; er geht die Perfusoren durch und notiert zwei Werte, die ihm gestern gefehlt haben. Intensivpflege ist ein Beruf, in dem Routine kein Vorwurf ist — sie ist der Grund, warum im Zwischenfall niemand überlegen muss.
Ercan hat die Fachweiterbildung Intensiv- und Anästhesiepflege gemacht, und sie steht in seiner Einsatzbeschreibung. Das ist keine Formalie. Es ist die Zeile, die festlegt, welche Aufgaben in seinem Dienst vorgesehen sind und welche nicht — auch an den Tagen, an denen jemand fehlt.
Wer die Grenze erst im Dienst zieht, zieht sie gegen den laufenden Betrieb. Der gewinnt fast immer.
Solche Tage gibt es. Dann fragt jemand, ob er kurz mit übernimmt, wofür eine andere Qualifikation nötig wäre, und die Frage ist selten böse gemeint; sie entsteht aus einem Plan, der nicht aufgeht. Ercan hält in diesen Momenten keinen Vortrag über Verträge. Er sagt, wofür er gebucht ist, und dass die Niederlassung das mit dem Haus klärt.
Genau dafür ist die Grenze vorher gezogen worden. Eine Zuständigkeit, die erst um drei Uhr nachts besprochen wird, wird gegen den laufenden Betrieb besprochen. Eine, die vor dem ersten Dienst steht, muss nur noch genannt werden.
Die zweite Wirkung ist unspektakulärer und wichtiger: Ercan weiß am Monatsanfang, welche Art von Diensten auf ihn zukommt. Er hat einen Schrebergarten am Stadtrand, und im April entscheidet sich dort, ob im Sommer etwas wächst. In den Wunschplan trägt er deshalb zwei Vormittage ein und nicht die halbe Woche.
Um halb drei endet die Schicht, die Übergabe dauert länger als der Weg zum Auto. Auf dem Zettel für den nächsten Dienst stehen dieselben vier Betten und eine Frage an die Ärztin, die heute niemand mehr beantwortet hat. Was nicht darauf steht, ist eine Aufgabe, für die jemand anders geradestehen müsste.





