15.08.2017

Ohne Leiharbeiter läuft nichts mehr

Zeitarbeit in der Pflege

Leiharbeit ist in der Industrie üblich. Wegen schlechter Bezahlung und der ständigen Unsicherheit hat sie aber keinen guten Ruf. Jetzt gibt es diese Beschäftigungsform auch in der Pflege. Dort liegt die Leiharbeit zunehmend im Trend.

 

Zeitarbeitsfirmen vermitteln Krankenschwestern wie Vanessa Andler aus Leimersheim in der Pfalz an Kliniken in ganz Deutschland. Denn solche Mitarbeiter wie die 24–Jährige werden derzeit überall verzweifelt gesucht.

 

Sie selbst sagt, sie werde immer dann eingesetzt, wenn sie wirklich gebraucht werde, quasi als "Feuerwehr". Momentan arbeitet Vanessa Andler rund 100 Kilometer weit weg von zu Hause, im Stuttgarter Marienhospital in der Chirurgie: "Das mit den Menschen, mir macht das Spaß, die Herausforderung jeden Tag, ich komme rum in meinem Beruf, das ist das Beste, was man haben kann."

 

Allerdings müsse man sich zuerst einmal an die Vorgaben der Ärzte gewöhnen, da jeder andere habe. "Das kann manchmal schwierig sein." Doch wenn der Patient sich freue, glücklich schätze und wertgeschätzt fühle, dann habe sie auch alles richtig gemacht. Angewiesen sei man jedoch darauf, dass man sich voll und ganz auf das Team verlassen könne und dass einem jemand weiterhelfe.

 

Finanziell zahlt sich der Leiharbeit–Job in ihrem Fall aus. Mit Zulagen verdient sie nach eigener Aussage etwa doppelt so viel wie zuvor.

 

Getrennt von Familie und Freunden

Doch "der Nachteil ist einfach, dass ich meine Familie und Freunde dadurch selten sehe. Man muss immer abwägen, wie wichtig einem das ist. Mir fehlt´s natürlich auch. Und immer dann, wenn ich frei habe, fahre ich nach Hause." Dort könne sie "wirklich entspannen nach der harten Arbeit und dem vielen Reisen".

 

Unterstützung erhält die Pfälzerin von ihrem Freund Jonas: "Ich finde das super, dass sie rauskommt, dass sie viel Neues sieht und das macht, auf was sie Lust hat. Das ist ja das wichtige."

 

Zunehmender Wechsel in die Leiharbeit

Immer mehr Krankenpflegekräfte wechseln nach Recherchen des NDR aufgrund besserer Arbeitsbedingungen von ihrer Festanstellung in die Leiharbeit. Offenbar sind die Arbeitsbedingungen in den Kliniken mittlerweile so schlecht, dass sich viele so besser vor Mehrarbeit geschützt sehen.

 

Ver.di–Gewerkschaftssekretärin Brigitte Horn bezeichnet dies als einen "lauten Hilferuf nach Planbarkeit, geregeltem Leben und Berücksichtigung der eigenen Belange". So seien Überstunden, Nachtdienste und Extra–Schichten eine hohe Arbeitsbelastung für Pflegekräfte in Krankenhäusern.

 

Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) bestätigt den Anstieg von Pflegekräften in der Leiharbeit. Grund dafür seien die besseren Arbeitsbedingungen, erklärt BAP–Vizepräsident Sebastian Lazay. "Denn unsere Mitarbeiter können ihre Dienstpläne zu einem großen Teil selbst mitbestimmen und werden dadurch psychisch und physisch entlastet."

 

Keine berufliche Verschlechterung

Zudem gewähre die Zeitarbeit die Sicherheit, die jeder andere sozialversicherungspflichtige Job auch biete. "Vom ersten Beschäftigungstag an haben Zeitarbeitnehmer Anspruch auf ihren tarifvertraglich festgeschriebenen Lohn sowie auf Renten–, Kranken–, Arbeitslosen–, Pflege– und Unfallversicherung und werden bei Urlaub, Krankheit und in Nichteinsatzzeiten weiter entlohnt", so Lazay. Das mache Zeitarbeit gerade auch für Pflegekräfte so attraktiv.

 

Ebenso ist für Johanna Knüppel, Sprecherin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK), "der Schritt in die Leiharbeit ... nicht unbedingt eine berufliche Verschlechterung". So könne ein geregelter Arbeitsplan dazu beitragen, nebenbei ein Studium zu absolvieren oder sich ein weiteres Standbein aufzubauen.

 

Pflege–Leiharbeit im Trend

Nach Angaben des Direktors der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Helge Engelke, sind die Kliniken mittlerweile in der Pflege auf Leiharbeiter angewiesen. Wegen des Mangels an Pflegekräften müssten Klinikchefs Pflege–Leiharbeiter einsetzen, um die Rund–um–die–Uhr–Versorgung im Krankenhaus gewährleisten zu können.

 

Diesen Trend bemerkt den NDR–Recherchen zufolge auch eine Leiharbeitsfirma, die Pflegekräfte ausleiht: Derzeit steige die Zahl der vermittelten medizinischen Fachkräfte jährlich um 15 Prozent. 80 Prozent der Bewerber hätten zuvor fest angestellt in einem Krankenhaus gearbeitet.

 

Mehr Leiharbeiter auch in Rheinland–Pfalz

Insgesamt rund 41.500 Leiharbeiter gibt es laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2016 in Rheinland–Pfalz; zehn Jahre zuvor waren es noch knapp 28.000. Die meisten von ihnen arbeiten in der Produktion oder in Verkehrs– und Logistikberufen. Aber auch in der Pflege, im Gastgewerbe, bei der Reinigung und im kaufmännischen Bereich sind Leiharbeiter tätig.

 

Bisher hatten sie keinen Anspruch auf das gleiche Geld wie die Stammbelegschaft. Seit Anfang April gilt eine Novelle des Gesetzes zur Regelung der Leiharbeit (deutsches Arbeitnehmerüberlassungsgesetz/AÜG), wonach Leih– oder Zeitarbeiter nach neun Monaten für gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen müssen. Zudem sieht es vor, dass Leiharbeiter nur noch für 18 Monate entliehen werden dürfen — bleiben sie länger, muss das Unternehmen sie übernehmen. Dennoch bezeichnen Kritiker die Leiharbeit auch als "moderne Sklaverei" und fordern eine leiharbeiterfreundlichere Gesetzgebung.

 

Die rheinland–pfälzische Arbeitsministerin Sabine Bätzing–Lichtenthäler (SPD) hält das Gesetz jedoch für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. "Auch wenn weitergehende Regelungen wünschenswert gewesen wären, ist mit dem Gesetz ein wichtiges Ziel zum Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verwirklicht worden."

 

Quelle: Öffnet externen Link in neuem FensterSüdwestrundfunk — Landesschau Rheinland-Pfalz, Öffnet externen Link in neuem FensterVideo-Beitrag


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