19.09.2017

Notfallversorgung: Ärzte sollen Sprechzeiten ausweiten


Berlin. Regionale Leitstellen und ein integriertes Notfallzentrum (INZ) sollen in Zukunft helfen, die Notfallversorgung vernünftig zu koordinieren. Um die Notfalleinrichtungen zu entlasten, sollen die niedergelassenen Ärzte abends und an Samstagen Sprechzeiten anbieten. Diese Empfehlungen zur Neustrukturierung der Notfallversorgung hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) am 07.09.2017 in Berlin vorgestellt.

 

Ziel des Konzeptes sei eine bürgernähere, bedarfsgerechtere, qualitativ bessere und zugleich auch kosteneffektivere Notfallversorgung, erklärte der SVR–Vorsitzende Ferdinand Gerlach. Denn viele Patienten, die die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchten, seien keine echten Notfälle. Ihnen könne beispielsweise durch einen niedergelassenen Arzt, einen Hausbesuch oder ein Palliativteam besser geholfen werden.

 

Nur eine Rufnummer

Um die Patienten besser steuern zu können, schlägt der SVR die Einrichtung regionaler Leitstellen vor, die über eine bundeseinheitliche Rufnummer erreichbar sind. Das Neben­einander des Notrufs 112 und der Bereitschaftsdienstnummer 116117 entfalle damit. Vorgesehen ist, dass geschultes medizinisches Personal oder Ärzte in den Leit­stellen die Anrufer beraten und je nach Bedarf einen Termin beim niedergelassenen Arzt oder in einem integrierten Notfallzentrum (INZ) vermitteln.

 

Auch Hausbesuche des vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes und Rettungseinsätze werden in den Leitstellen koordiniert. Erfahrungen aus anderen Ländern legten nahe, dass sich mithilfe der telefonischen Beratung bereits 30 Prozent der Patientenproble­me lösen ließen, erklärte Gerlach.

 

Bereitschaftsdienst und Notaufnahme unter einem Dach

Die ärztliche Bereitschaftsdienstpraxis und die Notaufnahme befinden sich nach dem Konzept des Sachverständigenrats künftig unter einem Dach und sind über "einen Tresen" im integrierten Notfallzentrum erreichbar. Im INZ beurteilt ein erfahrener Arzt je nach Bedarf und Dringlichkeit, ob Patienten an den kassenärztlichen Bereitschafts­dienst oder in die Notaufnahme überwiesen werden.

 

Träger der INZ, die als selbstständige wirtschaftliche Einheiten geführt werden sollen, sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die Krankenhäuser, betrieben werden sollen sie jedoch allein von den KVen. Damit wolle man Interessenkonflikten vorbeugen, erklärte SVR–Mitglied Jonas Schreyögg. Denn den Krankenhäusern wird häufig vorgeworfen, sie nutzten die Notaufnahmen, um Patienten für die finanziell lukrativere stationäre Aufnahme zu rekrutieren. Zahl und Standorte der INZ sollten die Länder festlegen und so die Balance zwischen notwendiger Zentralisierung und Flächendeckung gewährleisten. Dabei sei klar, dass nicht an allen 2.000 deutschen Krankenhäusern ein INZ eingerichtet werde, sagte Gerlach.

 

Eigene Finanzierung

Finanziert werden sollen die Leistungen der INZ ohne Mengenbegrenzung über einen separaten Finanztopf, der sich aus den bisherigen ambulanten und stationären Notfall­budgets speist. Die Vergütung sieht eine dreistufige Grundpauschale für Vorhaltekosten vor — gemessen an Kapazität und Ausstattung — sowie eine Pauschale pro Fall, unab­hängig von dessen Schwere oder dem Ort der Leistungserbringung.

 

Zuschläge soll es nur dann geben, wenn Patienten über Nacht zur Beobachtung dableiben müssen. Auch bei der Vergütung des Rettungsdienstes sollen Fehlanreize beseitigt werden. Er soll künftig nicht mehr für den Transport von Patienten ins Kranken­haus, sondern für den Einsatz bezahlt werden. Das verhindere, dass Patienten in die Kliniken transportiert würden, die dort nicht hingehörten.

 

Ärzte sollen ihre Sprechzeiten ausweiten

Zur Entlastung der Notfalleinrichtungen schlägt der SVR zudem vor, die Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte abends und an Samstagen auszuweiten. Dazu müssten entsprechende Anreize geschaffen werden. Außerdem müsse die Bevölkerung multi­me­dial über die Angebote der Notfallversorgung und deren Nutzung aufgeklärt werden.

 

"Der Grundausrichtung gilt große Sympathie meinerseits", erklärte Bundesgesundheits­minister Hermann Gröhe (CDU) nach der Vorstellung des Konzepts bei einer Podiums­diskussion. Die rund 500 Portalpraxen, die es bereits an deutschen Krankenhäusern gebe, kämen den Vorschlägen des SVR schon recht nahe. "Aber wollen wir wirklich so viel Zentralismus", fragte Gröhe. Es sei wichtig, dass die Bevölkerung die Zentrali­sie­rung als Verbesserung erlebe und nicht als Rationierung von Leistungen. Impulse verspricht sich der Minister aus der Evaluation von Projekten, die über den Innova­tions­fond gefördert werden.

 

Lob vom MB und der KBV

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, lobte das Konzept des SVR. "Wir finden hier vieles wieder, was wir uns selbst überlegt haben", so Gassen. So könne die Steuerung der Patienten über einen zentralen Tresen viel Wildwuchs bei der Inanspruchnahme von Leistungen verhindern.

 

Der Marburger Bund (MB) stellte sich hinter die Grundausrichtung des Konzepts. "Zentrale Anlaufstellen und ein koordiniertes Vorgehen der Beteiligten können die Notaufnahmen der Krankenhäuser entlasten und eine medizinisch sinnvolle Inanspruchnahme der Notfallversorgung fördern", sagte Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des MB. Er betonte aber auch, bei der vorgeschlagenen Rund–um–die–Uhr–Versorgung stelle sich zwangsläufig die Frage, wie das Patientenaufkommen in den INZ bewältigt werden könne und welche personellen Ressourcen nötig seien. "Theorie und Praxis sind nicht dasselbe: Deshalb muss bei jeder Neukonzeption auch zwingend mit berücksichtigt werden, wie neue Strukturen mit Leben gefüllt werden können", sagte Henke.

 

Krankenkassen und Kliniken sind skeptisch

Kritik kam dagegen von der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem GKV–Spit­zenverband. Beide begrüßten zwar das Konzept des "einen Tresens", bemängelten aber, dass mit der eigenständigen wirtschaftlichen Organisation der INZ ein dritter Sektor geschaffen werde, der möglicherweise zu weiteren Schnittstellenproblemen führe.

 

Das Notfallkonzept des SVR sei ein Pilotprojekt für die sektorübergreifende Versor­gung, entgegnete darauf der SVR–Vorsitzende Gerlach. "Wie soll sie gelingen, wenn wir bei den angestammten Sektoren bleiben?"

 

Die endgültigen Empfehlungen zur Zukunft der Notfallversorgung will der SVR im 2. Quartal 2018 im Rahmen eines Gutachtens zur bedarfsgerechten Steuerung des Angebots und der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen dem Bundes­gesund­heitsministerium übergeben.

 

Quelle: Öffnet externen Link in neuem FensterDeutsches Ärzteblatt


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