11.10.2017

DKOU 2017: Die Fitness–App als Physiotherapeut?


Über 400.000 Apps aus den Bereichen Medizin und Gesundheit stehen weltweit in den App–Stores zum Download bereit. Obwohl sich die Anwendungen großer Beliebtheit erfreuen, ist ihr Nutzen aus medizinischer Sicht bisher kaum belegt. Orthopäden und Unfallchirurgen sehen in den Smartphone–Apps ein vielversprechendes Angebot, sowohl als ergänzende Behandlung für Patienten als auch zur Prävention orthopädischer Erkrankungen. Bisher gibt es jedoch keine staatliche Institution, die solche Apps prüft und bewertet. Die Beteiligung von Experten aus Orthopädie und Unfallchirurgie sei daher bei der Entwicklung von Gesundheits– und Fitness–Apps unerlässlich, erklären Experten auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) 2017 in Berlin und geben Tipps, worauf Nutzer bei der Auswahl von Apps bereits heute achten sollten.


Logo des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU)

Foto: © DKOU / DGOU

 

Nur ein Bruchteil der verfügbaren Angebote sind orthopädische Apps: Sie leiten Nutzer bei Gymnastikübungen zur Behandlung von bestimmten Beschwerden an wie etwa Rückenschmerzen, klären über Erkrankungen auf, motivieren Patienten und dokumentieren deren Genesungsfortschritt. Der Erfolg solcher Apps ist aus wissenschaftlicher Sicht allerdings noch zweifelhaft: Einer aktuellen Metaanalyse zufolge bringen App–basierte Therapien keine Vorteile gegenüber der konventionellen Bewegungs– und Physiotherapie und können die Behandlung deshalb nur ergänzen. "Die Risiken können hingegen vielfältig sein: Werden diese App–basierten Anwendungen ohne fachmännische Begleitung durch einen Physiotherapeuten ausgeführt, können sich Beschwerden noch weiter verstärken", sagt Prof. Dr. Alexander Beck, Kongresspräsident des DKOU 2017. "Derzeit können Orthopäden und Unfallchirurgen daher keine Empfehlung für orthopädische Apps aussprechen."

 

Deutlich populärer sind Fitness–Apps — Schrittzähler, Kalorientracker, Workout Coaches –, die gesunde Anwender bei der Gewichtskontrolle oder beim Muskelaufbau unterstützen: Die Top–50 Apps in den Stores von Google und Apple bringen es auf weit über 600 Millionen Downloads — 60mal mehr als Apps in der Kategorie "Medizin". "Apps können Patienten unterstützen, die vom Arzt bereits Informationen zu passenden Übungen für ihre jeweiligen Beschwerden erhalten haben oder die bei einem allgemein guten Gesundheitszustand ihre Fitness verbessern wollen", sagt Beck. "Den Arzt oder Physiotherapeuten können sie jedoch nicht ersetzen."

 

Medizinische Apps, die zur Diagnostik und Therapie eingesetzt werden sollen, müssen sich durch das CE–Zeichen bestätigen lassen, dass sie ausreichend sicher und technisch leistungsfähig sind. Dagegen variiert die Qualität der unzähligen Angebote im Fitnessbereich stark. Bisher gibt es keine staatliche Prüfstelle, die Fitness–Apps auf Qualität und Sicherheit prüft. "Bei den bestehenden Prüfstätten bleibt unklar, nach welchen Kriterien sie die Apps bewerten und ob die Bewertung valide ist", sagt Privatdozent Dr. Urs–Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover. Viele App–Produzenten sind zudem gar nicht im Gesundheitsbereich angesiedelt, sodass die meisten Produkte entweder technisch oder inhaltlich hinter den Erwartungen der Nutzer zurückbleiben.

 

Orientierungshilfen für Hersteller zur qualitätsgesicherten Entwicklung genauso wie Checklisten für Nutzer sensibilisieren und schaffen hier Abhilfe. Dennoch sieht der Experte in den Smartphone–Anwendungen großes Potenzial. "Apps können Ärzten und Patienten helfen, Erkrankungen vorzubeugen, Behandlungen individueller zu gestalten und so die Therapietreue zu verbessern." Im Idealfall führt das nicht nur zur besseren Fitness, sondern auch zur finanziellen Entlastung des Gesundheitssystems. "Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Qualität der Anwendungen sich bessert und die Entwicklung von medizinischen Experten begleitet wird", ergänzt Albrecht. Fitness–Apps sind auch Thema auf einer Pressekonferenz im Rahmen des DKOU 2017 am 26. Oktober in Berlin.

 

Was macht eine seriöse App aus?

 

  • Alle Inhalte der App sind fachlich geprüft und mit Quellen belegt. Der Hersteller nennt die medizinischen Experten, die für die Richtigkeit der Inhalte stehen.
  • Die Informationen in medizinischen Apps entsprechen den aktuellen Leitlinien der zuständigen Fachgesellschaften.
  • Der Anbieter fragt nur Daten ab, die für die Funktion der App notwendig sind und macht transparent, wofür diese verwendet werden.
  • Der Anbieter legt offen, wie sich die App finanziert und wer die Sponsoren sind. Gesundheitsbezogene Informationen sind werbefrei.
  • Die Inhalte sind leicht verständlich. Übungen werden mithilfe von Bildern oder Videos erklärt.
  • Der Anbieter gibt sich zu erkennen und bietet einen Kontakt für Rückfragen.
  • Die App wird erkennbar regelmäßig aktualisiert und auf neue technische wie inhaltliche Erfordernisse angepasst (zum Beispiel Veröffentlichung neuer Betriebssystemversionen und Geräte, neue medizinische Erkenntnisse).

Literatur:

Lucht M, Bredenkamp R, Boeker M, Kramer U. Gesundheits– und Versorgungs–Apps: Hintergründe zu deren Entwicklung und Einsatz

Dario AB, Moreti Cabral A, Almeida L, Ferreira ML, Refshauge K, Simic M, Pappas E, Ferreira PH. Effectiveness of telehealth–based interventions in the management of non–specific low back pain: a systematic review with meta–analysis. Spine J 2017 Apr 13; PMID:28412562

Chancen und Risiken von Gesundheits–Apps (CHARISMHA); engl. Chances and Risks of Mobile Health Apps (CHARISMHA), Albrecht U–V (Hrsg.), Medizinische Hochschule Hannover, 2016. urn:nbn:de:gbv:084–16040811153.

 

Quelle: Öffnet externen Link in neuem FensterDeutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie


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